Kann man Unternehmertum lernen? Was zukünftige Gründer antreibt
„Konzentriere dich auf das Problem. Konzentriere dich auf den Kunden. Nicht auf deine Idee.“
Dieser Satz bringt eine der wichtigsten Lektionen auf den Punkt, die angehende Gründerinnen und Gründer heute lernen. Entrepreneurship ist längst mehr als Theorie – es wird gelebt. Start-ups entstehen zwischen Vorlesungen, Mitgründer finden sich in gemeinsamen Projekten, und Ideen werden ständig getestet, hinterfragt und weiterentwickelt.
In diesem offenen Gespräch spricht Anita Garbin, Studentin im Master in Entrepreneurship and Innovation und Mitgründerin von SAIVER, mit Kommilitonen und Start-up-Gründern über eine scheinbar einfache Frage:
Kann man Unternehmertum tatsächlich lernen?
Die Antworten fallen überraschend ehrlich aus.
Start-ups entstehen im Hörsaal
Die interviewten Studierenden lernen Entrepreneurship nicht nur – sie gründen bereits eigene Unternehmen. Einer entwickelt eine Sicherheitslösung für KI-generierten Code, ein anderer eine Plattform, die den Verkauf gebrauchter Kleidung vereinfacht. Ein Team baut sogar eine Matcha-Marke für die Generation Z auf, inspiriert vom wachsenden Interesse an funktionalen Getränken in Berlin.
Was sie verbindet, ist nicht nur ihr Unternehmergeist, sondern auch die Erkenntnis, wie stark sich ihre Geschäftsideen im Laufe des Programms verändert haben. Viele starteten mit völlig anderen Konzepten. Einige mussten Projekte aufgeben, an denen sie jahrelang gearbeitet hatten, andere änderten ihre Ausrichtung, nachdem sie festgestellt hatten, dass ihre ursprüngliche Idee kein echtes Kundenproblem löste.
Dieser Prozess sei oft schmerzhaft gewesen – aber notwendig.
Der größte Mythos über Unternehmertum
Viele Menschen glauben, Unternehmertum bedeute, eine brillante Idee zu haben und sie erfolgreich umzusetzen. Die Gründer sehen das anders.
Für sie bedeutet Entrepreneurship vor allem:
- ständig zu lernen und zu verbessern,
- sich schnell anzupassen,
- intensiv mit Kunden zu sprechen,
- Ideen loszulassen, die nicht funktionieren,
- und auch unter Druck flexibel zu bleiben.
Ein Gründer berichtete, dass er sich früher zu sehr darauf konzentrierte, was Kunden seiner Meinung nach wollten, statt tatsächlich mit ihnen zu sprechen. Ein anderer beschrieb den schwierigsten Moment seiner Gründungsreise: die Entscheidung, eine lang verfolgte Geschäftsidee aufzugeben – und sich nach Jahren der Zusammenarbeit sogar von einem Mitgründer zu trennen.
Die emotionale Seite des Unternehmertums findet in Lehrbüchern oft wenig Beachtung. Für die angehenden Gründer gehört sie jedoch zu den wertvollsten Lektionen überhaupt.
Warum Mentoren wichtiger sind als Motivation
Ein überraschendes Thema, das sich durch viele Gespräche zog, war die Bedeutung ehrlichen und direkten Feedbacks. Mehrere Studierende berichteten von Mentoren, die ihre Annahmen konsequent hinterfragten, kritische Fragen stellten und sie stärker forderten als jede Vorlesung.
Anfangs empfanden manche Gründer diese Gespräche als unangenehm. Rückblickend erkannten sie jedoch, dass genau diese kritischen Impulse ihnen halfen, bessere Entscheidungen zu treffen und schneller zu lernen.
Eine der wichtigsten Lektionen lautete:
„Verliebe dich nicht in deine Lösung.“
Ein anderer Gründer riet angehenden Unternehmern, sich nicht von vermeintlichen Erfolgsrezepten in sozialen Medien leiten zu lassen, sondern von Menschen zu lernen, die selbst Unternehmen aufgebaut haben.
Die zentrale Erkenntnis: Unternehmertum lässt sich vielleicht nicht allein durch Vorlesungen vermitteln. Doch durch Mentoring, strukturierte Unterstützung und ehrliches Feedback aus der Praxis können Gründerinnen und Gründer deutlich schneller wachsen und sich weiterentwickeln.
Der unterschätzte Vorteil eines Entrepreneurship-Studiums
Für Studierende mit technischem oder kreativem Hintergrund bot das Programm etwas, das ihnen zuvor oft gefehlt hatte:
- Struktur
- Bewährte Methoden und Frameworks
- Einen geschützten Raum zum Experimentieren und Scheitern
Die Gründer betonten immer wieder, wie wertvoll es war, Ideen auszuprobieren, Fehler zu machen, den Kurs zu ändern und neu anzufangen – ohne dass ein Fehlschlag sofort schwerwiegende Konsequenzen hatte. Dabei wurden sie von Mentoren, Kommilitonen und potenziellen Mitgründern begleitet und unterstützt.
Vielleicht noch wichtiger: Sie mussten diesen Weg nicht allein gehen. Viele beschrieben die Gemeinschaft innerhalb des Programms als einen der größten Mehrwerte. In einem Umfeld voller Unsicherheit, Rückschläge und schneller Veränderungen entstand ein starkes Netzwerk, in dem sich die Studierenden gegenseitig unterstützten, voneinander lernten und gemeinsam wuchsen.
Eine Botschaft an zukünftige Gründerinnen
Gegen Ende des Gesprächs sprechen Anita und eine weitere Gründerin darüber, dass sie die einzigen weiblichen Gründerinnen in ihrem Jahrgang waren.
Ihre Botschaft ist klar:
Habt keine Angst, es auszuprobieren.
Sie beschreiben Unternehmertum als einen Weg voller Unsicherheit, Fehler und kontinuierlichen Lernens – aber zugleich als eine der bereicherndsten Erfahrungen ihres Lebens.
Und selbst wenn ein Start-up scheitert?
Dann startet man mit mehr Erfahrung und besserem Verständnis neu.
Also: Kann man Unternehmertum lernen?
Nach all diesen Geschichten ist die Antwort komplexer als ein einfaches Ja oder Nein.
Man kann Methoden vermitteln. Man kann lernen, Kundenbedürfnisse zu verstehen. Man kann Strukturen, Strategien und Umsetzungskompetenzen entwickeln.
Doch einige der wichtigsten Eigenschaften von Unternehmerinnen und Unternehmern – Resilienz, Anpassungsfähigkeit und Durchhaltevermögen – entstehen erst durch eigene Erfahrungen.
Genau hier wird die Diskussion spannend. Denn einer der Gründer berichtet von einem Moment während des Programms, der den Verlauf seines Lebens und seiner unternehmerischen Reise grundlegend verändert hat.
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