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Press Release

ESMT Berlin Studie: Verbreitete psychologische Verhaltensratschläge könnten auf Messfehler beruhen

Bisherige Studien vermittelten den Eindruck, dass Menschen oft schlecht einschätzen können, wie andere ihr Verhalten bewerten. Daraus bildete sich die Grundlage für viele verbreitete Verhaltenstipps. Neue Forschung der ESMT Berlin legt jedoch nahe, dass diese Annahme womöglich falsch ist.
14.09.2026
Copyright Andreas Süß

Die Studie Are frogs more forgiving than acorns anticipate? How response pressure confounds can generate (apparent) biases in metaperceptions, durchgeführt von Rebecca Schaumberg (ESMT Berlin) und Joseph Simmons (University of Pennsylvania), wurde im Journal of Experimental Psychology: General veröffentlicht.

Aus dem bisher angenommenen Muster, dass wir systematisch unterschätzen, wie andere über unsere Fehler und guten Taten denken, sind über die Jahre viele bekannte Ratschläge entstanden. Darunter etwa, sein Gegenüber mehr zu loben, sich seltener zu entschuldigen und mutiger um Dinge zu bitten. Die neuen Ergebnisse legen jedoch nahe, dass diesen Ratschlägen womöglich kein tatsächlicher psychologischer Effekt zugrunde liegt, sondern die Art, wie die bisherigen Studien aufgebaut waren. Das Problem liegt laut den Forschenden in der Art und Weise, wie solche Effekte üblicherweise untersucht werden. 

Im klassischen Studiendesign wird eine Gruppe von Teilnehmenden gebeten vorherzusagen, wie eine andere Person auf ihr Verhalten reagieren wird, während eine zweite Gruppe berichtet, wie sie selbst auf das Verhalten einer anderen Person reagiert. Obwohl diese Fragen vergleichbar erscheinen, sind sie es nicht: Vorherzusagen, dass eine andere Person für eine gute Tat „extrem dankbar” sein wird, kann prahlerisch wirken, während die Aussage, man selbst sei „extrem dankbar”, völlig gewöhnlich erscheint. Ähnlich verhält es sich mit der Vorhersage, dass eine andere Person auf einen Fehler mit „extremer Wut” reagieren wird, was verantwortungsbewusst wirken kann, während die Aussage, man selbst sei „extrem wütend”, als nachtragend gelten kann. 

Beide befragte Gruppen sind in diesem Studiendesign daher unterschiedlichem und gegensätzlichem sozialen Druck ausgesetzt. Dadurch können die Unterschiede zwischen ihren Antworten wie eine Verzerrung in der sozialen Wahrnehmung wirken, obwohl diese gar nicht vorliegt.

Um dies zu testen, führten Schaumberg und Simmons 13 sorgfältig konzipierte Experimente durch. In einer davon stellten sich die Teilnehmenden vor, eine Eichel zu sein, die einem Frosch auf den Kopf fällt: Einige sagten voraus, wie negativ der Frosch die Eichel beurteilen würde, während andere die Perspektive des Frosches einnahmen und dessen eigene Reaktion berichteten. Trotz des fantasievollen Szenarios zeigte sich dieselbe Lücke zwischen Vorhersagenden und Berichtenden wie bei Studien zu realen Handlungen, etwa wenn man vergisst, auf eine Textnachricht zu antworten, oder wenn man einer Kollegin oder einem Kollegen kritisches Feedback gibt. 

In einer weiteren Studie wurden Teilnehmende ausdrücklich angewiesen, entweder als sehr höfliche oder als sehr unhöfliche Person zu antworten: Die scheinbare „Verzerrung” wurde unter der Anweisung, höflich zu antworten, größer und kehrte sich unter der Anweisung, unhöflich zu antworten, vollständig um. Das zeigt, dass der soziale Druck, der in der Fragestellung selbst steckt, und nicht eine tatsächliche Fehleinschätzung, das Ergebnis bestimmte. 

Man kann etwas nicht als Verzerrung bezeichnen, ohne einen verlässlichen Vergleichsmaßstab zu haben”, sagt Rebecca Schaumberg, Assistant Professor an der ESMT. „In diesem Forschungsbereich war dieser Maßstab bislang stets die Selbstauskunft der Menschen, die als unverzerrte Wahrheit behandelt wurde. Unsere Ergebnisse zeigen, dass auch diese Selbstauskünfte durch sozialen Druck geprägt sind, was bedeutet, dass die Belege für viele dieser „Verzerrungen" deutlich schwächer sind, als es zunächst den Anschein hat.”

Die Autoren betonen, dass ihre Ergebnisse nicht beweisen, dass Menschen tatsächlich gut darin sind zu beurteilen, wie andere sie wahrnehmen, sondern lediglich, dass die bisherigen Methoden dies nicht zuverlässig feststellen können. Sie fordern Forschungsdesigns, die Vorhersagen anhand messbarer Ergebnisse überprüfen, etwa dem, was Menschen tatsächlich sagen oder tun, anstatt sie mit nicht überprüfbaren Selbstauskünften über innere Gefühle abzugleichen.

Über die ESMT Berlin

Die ESMT Berlin ist eine weltweit führende Wirtschaftsuniversität. Von 25 globalen Unternehmen gegründet, bietet die ESMT Master-, MBA- und PhD-Studiengänge sowie Managementweiterbildung an. Die Kurse werden auf dem Berliner Campus, an Standorten weltweit, online sowie als hybride Kurse mit Teilpräsenz angeboten. Mit einem Fokus auf Leadership, Innovation und Analytics veröffentlichen die Professorinnen und Professoren der ESMT regelmäßig ihre Forschungsergebnisse in führenden wissenschaftlichen Publikationen. Zusätzlich bietet die ESMT eine Plattform für den Diskurs zwischen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Die ESMT ist eine staatlich anerkannte private wissenschaftliche Hochschule mit Promotionsrecht und ist von AACSB, AMBA, EQUIS und ZEvA akkreditiert. Die Business School engagiert sich für Vielfalt, Gleichstellung und Inklusion in all ihren Aktivitäten und Gemeinschaften.
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