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Presseinformation

5 Gründe, warum innovative F&E-Projekte nicht finanziert werden

Research Findings
Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass das Verständnis der Voreingenommenheit, die sich in den Entscheidungsprozess einschleicht, Unternehmen helfen kann, klügere Entscheidungen darüber zu treffen, welche Innovationen finanziert werden sollen.

Die Entscheidung, welche neuen Ideen zu den Gewinnern und welche zu den Blindgängern gehören, ist für Expertengremien im Bereich Forschung und Entwicklung (F&E) aufgrund persönlicher Voreingenommenheit und des Entscheidungsfindungsprozesses des Gremiums selbst schwierig, so eine neue Studie, die heute in einem Artikel der MIT Sloan Management Review veröffentlicht wurde. 

Neue Forschungsergebnisse legen nahe, dass F&E-Expertengremien aus fünf Gründen höchst problematisch sind: 

  • Sie weisen eine starke Voreingenommenheit gegenüber sehr neuartigen Ideen auf. Entscheidungstragende lehnen bahnbrechende Innovationen oft ab, weil sie das Risiko scheuen, das mit ihnen verbunden ist. Es ist wahrscheinlicher, dass sie Projekte mit einem mittleren Neuheitsgrad finanzieren. Ein gewisser Grad an Neuartigkeit erhöht die Chance auf eine Finanzierung, ein zu hoher Grad jedoch verringert die Chancen.  

  • Sie leiden unter einem Mangel an Vielfalt. Die Entscheidungen beruhen weitgehend auf den Meinungen der älteren Männer, die in der Regel die Gremien bilden, wodurch wertvolle Beiträge von Menschen mit anderen Erfahrungen fehlen. 

  • Sie sind mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie Ingenieurinnen und Ingenieuren besetzt, die dazu neigen, sich auf die technischen Aspekte einer Idee zu konzentrieren, ohne die geschäftlichen Möglichkeiten und Herausforderungen zu berücksichtigen. Sie neigen möglicherweise dazu, Ideen aus ihrem eigenen Fachgebiet zu bevorzugen, und wollen nicht, dass der Erfolg einer Kollegin oder eines Kollegen ihren eigenen übertrifft. 

  • Der Entscheidungsprozess des Gremiums selbst. Anträge auf F&E-Finanzierung werden häufig von einem Gremiumsmitglied vorgestellt, das als Sponsor fungiert. Auch wenn der Sponsor sich bemüht, objektiv zu sein, können sich seine eigenen Ansichten über das Projekt in seinem Ton und seiner Präsentation widerspiegeln, wodurch Vorurteile übertragen und die Ansichten der anderen Mitglieder des Gremiums beeinflusst werden.   

  • Der Zeitpunkt des Prozesses oder die Reihenfolge, in der die Projekte geprüft werden, können die Entscheidungen beeinflussen. Einzigartige Daten eines professionellen Dienstleistungsunternehmens zeigen, dass die Entscheidung, ein Projekt zu finanzieren, es unwahrscheinlich macht, dass das nächste Projekt finanziert wird. 

„Niemand möchte die oder der Entscheidungstragende sein, die oder der eine gute Investition ausschlägt“, sagt Thorsten Grohsjean, Mitverfasser des Artikels und Assistent Professor an der Universität Bocconi in Mailand. „Innovation wird immer schwierig zu bewerten sein, aber durch die Schaffung eines offeneren, fließenderen und kollaborativeren Prozesses können Unternehmen die wahren Goldschätze entdecken."

Der Artikel „Better Ways to Green-Light New Projects“ („Bessere Wege zur Genehmigung neuer Projekte“) in der MIT Sloan Management Review enthält eine Reihe von Empfehlungen für F&E-Direktorinnen und Direktoren und Expertengremien zur Verringerung von Verzerrungen und zur Verbesserung der Ergebnisse vor, während und nach der Auswahl von Innovationsprojekten für Investitionen. Diese Empfehlungen werden mit Beispielen aus der Praxis von führenden Organisationen wie Amazon, Bristol-Myers Squibb, der Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA), BMW, Smart, Ericsson, dem neuseeländischen Health Research Council, Siemens, Shell und der Swiss National Science Foundation illustriert. 

Bevor Projekte bewertet werden, können Unternehmen sicherstellen, dass sie eine faire Bewertung auf der Grundlage ihrer Verdienste erhalten, indem sie das Verfahren für die Einreichung von Ideen zur Prüfung überarbeiten. Um latente Voreingenommenheit zu bekämpfen, sollten Unternehmen Namen und demografische Informationen über die Erfinderinnen und Erfinder der neuen Ideen entfernen und die in den Einreichungen geforderten Informationen standardisieren, damit sie nach denselben Kriterien bewertet werden. 

Während des Auswahlverfahrens sollten die Organisationen ein vielfältiges Auswahlgremium zusammenstellen, um sicherzustellen, dass die Durchführbarkeit einer Idee aus einem breiteren Spektrum von Perspektiven betrachtet wird. Durch die Einbeziehung von Personen mit sowohl technischem als auch nichttechnischem Hintergrund wird sichergestellt, dass Projekte nicht nur nach technischen Aspekten, sondern auch nach Marktpotenzial, Geschäftsplanung, strategischer Eignung und Finanzierung bewertet werden. Für Unternehmen kann es auch von Vorteil sein, Crowdsourcing-Prinzipien oder einen Workshop-Ansatz zu verwenden, es dem Zufall zu überlassen oder direkte Vergleiche anzustellen.

Sobald die Organisationen entschieden haben, welche Projekte sie finanzieren wollen, können sie Feedback zu den Vorschlägen geben sowie Misserfolge verfolgen und daraus lernen, um den Entscheidungsträgern zu helfen, beim nächsten Mal eine bessere Wahl zu treffen. 

„Obwohl diese Praktiken einen gewissen Aufwand erfordern, sind sie wahrscheinlich kostengünstiger als das traditionelle Auswahlmodell, das die Zeit und den Aufwand der Führungskräfte sowie Technologinnen und Technologen stark beansprucht“, sagt Linus Dahlander, Mitautor des Artikels und Professor an der ESMT Berlin. 

Die Autorinnen und Autoren des Artikels führten ein mehrjähriges Forschungsprojekt innerhalb eines globalen Dienstleistungsunternehmens mit Niederlassungen in 33 Ländern durch und sammelten sowohl quantitative als auch qualitative Daten darüber, wie sie entscheiden, in verschiedene Innovationen zu investieren. In einer ersten Studie untersuchten die Forscher, wie acht Auswahlgremien, die sich aus leitenden Managern und führenden Ingenieuren zusammensetzen, Geld für neue Forschungsideen bereitstellen. In einer zweiten Studie analysierten sie die Auswirkungen der Reihenfolge auf 763 Entscheidungen, die von einem der acht Gremien getroffen wurden. Die Autorinnen und Autoren führten darüber hinaus auch Interviews mit mehreren Dutzend Führungskräften.

 


 

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